Über die Organik von Musik

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Mara
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Über die Organik von Musik

Bericht door Mara »

Über die Organik
von Musik


© 2004 Annette Güldenring


Und es hat auf Erden einmal einen Jungen gegeben, der war so unscheinbar, dass er sich vom ersten Schrei durch Klänge und Lautbarungen mitzuteilen wusste. Diese waren anders als schrille Babyschreie nach Milch und Zitzen, es waren Melodien. Entzückt standen die Tanten vor seiner Wiege, spitzten die Ohren, schauten ins Unendliche und lauschten: "Dieses Stimmchen, ist es nicht süß?"
Die Eltern wählten einen Namen, unmusikalisch und hölzern, wie ein zweisilbiger Doppelschlag, am Ende ein Konsonant, ein schäbiges d, unmöglich schmuckvoll zu singen. Eben ein Buchstabe, den Sänger entweder gar nicht oder nur mit affig übertriebenem Zungenschlag in einer Art hysterischer Blödheit auszustoßen in der Lage sind.
Sein Vater ein Bauzeichner, er beherrschte die Philosophie der Gradlinigkeit so einmalig, dass er im Alter von 23 Jahren alle Zeichenhilfen vor den Augen seiner Kollegen zu zerbrechen wagte. Seither hat er den Ruf eines Mannes, der wie eine 1 steht und jede Planung auf den Punkt zu bringen in der Lage ist. Nur eines Tages wich eine Linie um mindestens 3 mm von seiner antizipierten Flucht ab, rutschte schließlich in den Abgrund der Abgründe. Rot lief er an, biss seinen Bleistift ab und verschluckte das hölzerne Ende. In dieser Wut stürmte er davon, sprengte das Schloss des ehelichen Schlafzimmers, riss seiner Frau die Kleider vom Leibe und brachte es auf den Punkt. Von außen meinte man, es hätte wie ein hölzerner Doppelschlag geklungen, aber weit gefehlt, es war eine Punktlandung.
Seine Frau lag ergeben in ihrer Leinenwäsche, tastete nach der 1 und hatte den Punkt irgendwie verpasst. Als ihr sehnsuchtsvoller Ruf nach mehr über die Lippen quoll, da stand er schon längst wieder am Zeichenbrett in seiner typischen Haltung und Form, Arsch rein, Brust raus. Linie für Linie, Punkt für Punkt.
Verstohlen öffnete sie die Augen, da sang es wie wundersam in ihrem Leib. Das Kind in ihrer saftigen Höhle hatte Töne, schlank wie ein gezogener Faden. Und einzellig wie es war, es sang voller Inbrunst, Kraft, so dass das Fortissimo auf die Halswirbel von Muttern drückte. Ein ständiges Kloßgefühl über 9 Monate, die Ärzte waren hilflos, denn wenn Mutter sang, dann war es zweistimmig.
Die junge Mutter, allein gelassen in ihrer Zweistimmigkeit und unverstanden in dieser Einzigartigkeit, träumte, irgendwann die Linien ihres Mannes zu durchkreuzen. Es sollte weitere 32 Jahre dauern, bis sie während eines Festmahles völlig unerwartet mit einem Satz auf den Tisch sprang und ihren Busen entblößte, welk im Fleisch und eher schon unansehnlich. Sie schleuderte tanzend zwischen Krabbensuppen und Hammelfleisch, juchzte und wirbelte mit ihren Massen. Ihr Mann aber harrte sprachlos und hilflos geil. Er wich nicht von ihrer Seite, konnte sich weder für die rechte noch die linke entscheiden, applaudierte wie alle anderen, wild und laut und aß 3 Kilo Hammel allein, der soll ja so streng schmecken.
Unser Held - in Wut auf seinen Vornamen - sammelte von Klein an alle Kräfte, um gegen dieses Klangverbrechen und die Verkennung seiner Begabung zu rebellieren. Und, so sehr die Alten und Gelehrten auch zogen, ja an ihm zerrten in einer Linie bis in ihm alle Gelenke vor Reißen schmerzten, er wich keinen cm von seinem Säuglingsphantasma ab. In ihm sang es unermüdlich, wie von selbst, unerschöpflich und unkonventionell. Die Melodie war sein Eigen, als ob er sie erfunden hätte, sein Balsam, die Rettung, sein Tönen gegen Trauer und Tränen. Und, es half, es half, es half wunderbar.........
Und während er so da saß, nicht aufhören konnte zu singen gegen all die Tränen, weil seine Knochen unter dem Zerren in die DIN Norm knackten und glühten, die Schmerzen kaum noch ertragbar waren, da verkroch er sich in sich selber, versteckte sich in der Welt seiner Musikalität, heimlich, misstrauisch. Hielt schützend seine zarten Ärmchen darüber. Er versenkte seine wunderbare Musikalität wie einen Schatz in seinem Inneren. Unerreichbar für andere; dieser Reichtum, war von nun an verborgen für die Tanten und all die, die ihn nie gesehen, nur gehört hatten mit der Unendlichkeit seiner Tonreihen. Das Kind war plötzlich wie tot in dieser Welt, ein unerhörtes Kind, ein armes Kind, seiner Töne beraubt. Und wie es so da saß, da reichte der Vater ihm einen Bleistift, gradlinig und punktend, ohne die geringste Wirkung auf das innere Erleben. Bleistifte fühlten sich an wie Vater, tot und leblos und, sie konnten nicht singen.

So saß er und wurde groß und größer. In den Nächten aber vibrierte sein Körper, wurde von innen geweckt und lauschte seinen Kompositionen. Er spürte wie er lebte. Wie herrlich die Organe gegeneinander schlugen, die Leberlappen aneinander klatschten, der rechten Niere eins verpassten, so dass der Urin in adretten Bächen floss, ein lustvoll biologischer Rhythmus. Schon unterbrachen die Herzklappen mit ausgeflippten Soli, inspirierten den Darm zu würzigen Bassläufen. Sein ganzer Körper folgte den Gesetzen einer musikalischen Bewegung, er sprang aus dem Bett, tanzte, wurde zum lebendigen Ton, während er alle Körpersäfte wie pulsative Explosionen unter sich lassen konnte. Wow. Musik war Lust und Lust wurde zu Musik, schon längst nicht mehr zu unterscheiden, verschmolz zur Einheit.
Aber wehe, er wurde in diesen Propulsionen gestört. Wehe. Wie auf Befehl erstarrte sein Eingeweideorchester zu Eis. Er erlebte es schmerzhaft, unterdrückte den Schrei, der sich in seine Kehle drängte, ein Schrei der letzten Gegenwehr, der Wut, eigentlich mit Kampfesgeheul gewollt. Im Nu wurde er und seine Rhythmik zu Eis, zum Eis, was die Eltern, die Gelehrten von ihm forderten. Er stellte sie zufrieden, vorübergehend, unwillig aber genügend zur Gefügigkeit gedrillt. Erdrückte den Ton der Eigenwilligkeit in sich selber hernieder, in seinen Organen, die nur so vor Musikalität strotzten aber so selten durften.
Je älter er wurde, desto mehr siegten Linien, Bleistifte und Eis. Desto mehr musste er sich bemühen, die Spuren seiner phantastischen Begabung zu erhalten, wieder zu beleben. Als er Kindheit und Jugend schließlich hinter sich hatte, da gelang es nicht mehr, was einst von ganz alleine ging. Er glaubte, alles verloren zu haben, weinte eine dicke Träne und suchte, suchte nach dem Klang seine Ursprünge.
Ein qualvoller Weg über viele Jahre lag vor ihm. Es half nur Gegendrill, ersonnen von seinen Vorgängern, die allesamt ihrer Einzigartigartigkeit beraubt worden waren und es niemals aufgegeben hatten, sie wieder zu finden, unermüdlich. Und da hatte er seine Vorbilder in Bach, Mozart, Telonius Monk, Louis Armstrong, Charlie Parker und Aziza. Ja, besonders in Aziza, alle belebten und betörten ihn mit ihrer Botschaft. So übte er wie besessen deren Etüden, Läufe, drillte sich förmlich zurück, und manchmal wusste er nicht was schlimmer war. Zu Eis geworden zu sein oder die Mühe, die so viel Kraft kostete, um heiß zu werden, um wieder zu schmelzen. Die Leber war mittlerweile zäh, tat sich schwer und klang lange blechern und trocken. Die Nieren hielten zurück, was das Zeug halten konnte und ließen nur noch zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten locker. Wie konnte man da seinen eigenen, schlüpfrigen Witz erleben. Das Herz kam dauernd aus dem Rhythmus, wurde mit entsetzlichen Medikamenten zu einer Art periodischem Motor fremdgesteuert und gab es schließlich auf, vor Freude zu hüpfen. Und der Darm, der verschränkte einfach nur die Arme und brummte: "Ihr seid ja alle blöd."
Aufgeben? Nein, niemals. Eines Tages begann er sich zu lockern, die Musikalität wurde wieder selbstständiger, war keine gedachte und gemachte Tonanreihung mehr, wurde zu einer Art Gefühl, musikalischem Gefühl mit Herz, Leber, Darm und Nieren. Ohne Muss und Denken. Er schmiss die Herztabletten ins Klo, Darm und Niere taten das ihre obendrauf und er spülte runter mit lautem Rauschen. Dann sprang er auf, knetete die Finger und ließ sie endlich frei von Gesetzen, von den Linien, den Bleistiften, dem Eis, ließ sie auf die Tasten knallen. Sie liefen wie von alleine. Es war wunderbar. Er wurde zur Musik und die Musik fand zu ihm zurück.
Eine einzige Träne ist geblieben. Es ist diese eine Träne, stellvertretend für all die zurückgehaltenen, die auf dem langen Weg der Schmerzen und des Verzichtes notwendig gewesen wären. Die er nicht gezeigt hatte. Tränen machen eine geräuschlose Musik, sie zeigen sich still.
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